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Büro voller Glanz

Eine Oase der Ruhe ist mein Arbeitsplatz nie gewesen, aber aktuell eskaliert hier die Glückseligkeit. Heute ist der dritte Dezember, und man hat den Eindruck, die Weihnachtsfreude wurde per Dekret angeordnet.

Es leuchtet, glitzert und klingelt es an allen Ecken meines Büros. Kolleginnen und Kollegen tragen stolz ihren hässlichsten Weihnachtspullover, die Lichterketten blinken in aufdringlichem Rhythmus und schlechte Plastik-Weihnachtsbäume krächzen Kakophonien, die mit viel Wohlwollen annähernd ein „Jingle Bells“ erkennen lassen. Kurzum: Es wurde Weihnachtsstimmung befohlen.

Die Furcht wächst

Diese erzwungene Weihnachts-Fröhlichkeit legt sich wie ein Schleier über meine eigene Gefühlslage. Für mich, als getrennt lebenden Vater, der seine Kinder schmerzlich vermisst, verstärkt dieser Trubel nur die tief sitzende Furcht vor Weihnachten. Dieses Fest soll Nähe und Familie bedeuten – doch ich bin hier, allein in meiner Trauer.

Wenn das Glück anderer so offensichtlich wird, kommt unweigerlich ein Gefühl auf, das ich nur schwer zulassen will: Neid.

Neid auf das einfache, scheinbar mühelose Glück, auf die vollständigen Familien, auf die unbeschwerten Vorbereitungen. Die Diskrepanz zwischen meinem Innenleben und dieser glitzernden Fassade ist kaum zu ertragen.

Das kleine „u“ des Lebens

Heute morgen habe ich in einem Podcast gehört, das Leben sei wie ein „U“. Ab Mitte 40 geht es in der Mitte nach unten, in eine Phase der Ernüchterung, der Verluste, der Krise – und dann hoffentlich wieder hoch. Eine neue Kurve, die man mit Weisheit und Gelassenheit erklimmt.

Nun ja, aktuell fühlt sich mein Leben vielleicht wie ein kleines, handgeschriebenes „u“ an. Ein „u“, das ich in meinem Leben schon zweimal durchlaufen habe, zwei kleine Höhepunkte, Familien, gefolgt von tiefen Tälern. Ich bin dann aktuell wohl auf der rechten Seite, mit dem Blick nach oben, aber noch tief unten im Tal.

Meine größte Sorge ist, dass es kein „u“ wird, sondern ein umgedrehtes „µ“ (Mü) – das „mü“-Zeichen, mit dem tiefen Strich nach unten auf der rechten Seite. Ein finaler, unumkehrbarer Fall.

Was mich vielleicht ein wenig aufheitert, ist eine kleine sprachliche Ablenkung: Ich kenne nicht viele deutsche Worte, die mit einem kleinen „u“ enden. Ein kleines, banales Detail, das Hoffnung zulässt. Nehmt mir nicht die Hoffnung, dass das Wort meines Lebens noch nicht zu Ende ist, dass es noch weitergeht, auch wenn das Tal gerade tief und kalt ist.

Ich muss lernen, dieses kalte „u“ zu überwinden, während draußen „Jingle Bells“ krächzt.

Büro voller Glanz,
Fremdes Glück verstärkt die Furcht,
Neid wächst in mein Herz.

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